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Wie nah ist nah genug?

Zündhöözer querNähe und Distanz in der Beratung, Begleitung und Pflege von Menschen

Alle die mit Menschen arbeiten, sei es als Beraterin und Supervisorin, aber auch und vor allem in der Betreuung, Begleitung und Pflege, leisten in erster Linie Beziehungsarbeit. Dafür braucht es Vertrauen auf beiden Seiten, um gemeinsam Veränderungen und Verbesserungen aktueller Problemsituationen herbeiführen zu können.

Den genannten Tätigkeiten ist gemeinsam, dass zu deren Ausübung ein hohes Maß an Engagement und Einfühlungsvermögen notwendig ist. Den jeweiligen Menschen steht dafür als wichtigstes Werkzeug die eigene Persönlichkeit und deren Fähigkeit zur Verfügung, eine tragfähige Beziehung zum Klienten aufzubauen. Damit sich eine solche Beziehung entwickeln kann, braucht es ein gewisses Maß an Nähe, zur anderen Person aber auch zur eigenen. Dabei stellt sich dann die Frage, wie weit man sich auf den anderen, auf die andere einlassen darf, ohne auf die professionelle Distanz zu vergessen, die notwendig ist, um den professionellen Überblick bewahren zu können.

Wie nah ist nah genug?

Jeder Mensch hat ein anderes Bedürfnis nach Nähe und ein anderes Verständnis davon, wie weit er oder sie sich auf eine Beziehung einlassen kann und will. Und nicht jedem Menschen gelingt es immer und überall die notwendige Distanz zu wahren, um den professionellen Charakter der Beziehung einzuhalten und sich selbst und auch den Klienten vor zu viel Nähe zu schützen. Schließlich soll ihm nicht Eigenständigkeit und Selbstverantwortung abgesprochen werden, sondern das Gegenteil sollte das Ziel sein. Gleichzeitig passiert es allzu leicht, dass man bei all der emotionalen Belastung, die soziale Arbeit mit sich bringt, vergisst, die eigenen Grenzen zu schützen.

Die Balance zwischen Nähe und Distanz

Man kann es sich als Bild einer Waage vorstellen. In der einen Waagschale liegt die emotionale Nähe, die Voraussetzung für eine gelingende Beratungs- und Betreuungsarbeit ist, in der anderen die professionelle Distanz, die davor schützt, sich zu weit in eine Beziehung zum Klienten einzulassen. Diese beiden Waageschalen in Balance zu halten, darin liegt meines Erachtens ein Großteil der notwendigen Professionalität.

Die beiden Fragen, die man sich dazu stellen sollte, sind:

  • Wie weit lasse ich mich auf die Beziehung ein, wie viel Nähe braucht es, damit ich gut unterstützen und helfen kann?
  • Wie groß soll die Distanz sein, damit ich mich nicht zu sehr in die Problematik des Klienten hineinziehen lasse?

Zu viel Nähe …

Zu viel Nähe kann zur Folge haben, dass man sich zu sehr in die Problematik der Klienten „verstrickt“. Gleichzeitig nimmt man vieles persönlich, empfindet Zurückhaltung etwa als persönliche Kränkung. Die Neutralität geht verloren und es kann passieren, dass man sich zu sehr mit dem Klienten und seinen Problemen identifiziert. Eine weitere Gefahr besteht darin, Phänomene wie Übertragung oder Gegenübertragung nicht als solche wahrzunehmen.

Zu viel Distanz …

Zu viel Distanz wiederum kann in Gleichgültigkeit ausarten, die der Klient oder die Klientin als Desinteresse oder Ablehnung wahrnehmen. Man läuft man Gefahr, unachtsam zu werden und manches Wichtige zu übersehen.

In beiden Fällen drohen als mögliche Folgen Motivationsverlust, Überlastung, bis hin zu Jobverlust und Burn-Out.

Strategien zur Wahrung eines angemessenes Nähe-Distanz-Verhältnisses

An dieser Stelle möchte ich nochmals betonen, dass es nicht ein richtiges Verhalten gibt. Jeder Mensch ist anders, verhält sich anders, kommuniziert anders und vor allem, es braucht mehr als einen Menschen, um eine Beziehung aufzubauen und zu erhalten. Beziehung ist das, was zwischen den Menschen passiert und ist darüber hinaus noch von zahlreichen anderen Einflussfaktoren abhängig. Trotzdem kann man viel dafür tun, die Balance zwischen Nähe und Distanz möglichst gut zu halten.

Kennen des eigenen Nähe-Distanz-Verhaltens

Wir kennen es von unseren privaten Beziehungen und Partnerschaften: Der eine Partner sucht und wünscht sich mehr Nähe, der andere weniger. Um sich selber einschätzen zu können, wohin man eher tendiert, ist es sinnvoll, sich folgende Fragen zu stellen:

Wie sehr suche ich Nähe? Wie wichtig ist es mir, eine gewisse Distanz zu wahren? Woran merke ich, dass ich zu weit, also zu nahe gehe? Woran merke ich, dass ich nicht nahe genug gehe?

Ein Persönlichkeitsmodell, das diesem Nähe-Distanz-Verhalten auf den Grund geht, ist das sogenannte „Riemann-Thomann-Modell“. Es unterscheidet neben dem Gegensatzpaar Nähe und Distanz noch zwischen Dauer und Wechsel. Es sind dies kontroverse Grundbedürfnisse, die bei jedem Menschen unterschiedlich ausgeprägt sind. Diese vier Pole zwischen denen sich laut Riemann und Thomann die Menschen bewegen, werden auch die „4 Himmelsrichtungen der Seele“ genannt. Auf jeden Fall hilft dieses Modell, das eigene Verhalten besser zu verstehen. Wir sollten uns auch dessen bewusst sein, dass wir es immer wieder mit Menschen zu tun haben, deren Bedürfnisse eben andere sein können als unsere. Ein gute Übersicht zum Riemann-Thomann-Modell inklusive eines Tests habe ich hier gefunden >>>

Selbstreflexion

Neben dem Verstehen des eigenen Nähe-Distanz-Verhaltens gibt es allerdings noch weitere wichtige Strategien, die ebenfalls unter dem Begriff der Selbstreflexion zusammengefasst werden können:

  • Klarheit darüber, was mir wichtig ist (eigene Werte und Haltungen)
  • Klarheit über die eigene Rolle und Aufgabe
  • Klarheit über die eigene Befindlichkeit (Beachten der eigenen Bedürfnisse, das Erkennen von Körpersignalen, ..)
  • Kennen der eigenen Fähigkeiten und Stärken
  • Reflexion und Austausch mit Außenstehenden mittels Supervision und Coaching

Kollegialer Austausch und Zusammenarbeit

Ausgewogenheit zwischen Beruf und Privatleben (Work-Life-Balance)

Rituale (Übungen, Gesten, Handlungen zur Markierung von Übergängen)

Bei der Wahrung eines professionellen Nähe-Distanz-Verhältnissen in der täglichen Arbeit mit Menschen geht es um nichts weniger als um den Erhalt der persönlichen Handlungsfähigkeit – zum Schutz der eigenen Person, zur Erfüllung des Auftrags und damit nicht zuletzt zum Wohl meiner Klienten.

siehe auch: Workshop „Wie nah ist nah genug?“

Ein Kommentar zu „Wie nah ist nah genug?

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