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Was ist Arbeit wert, wenn ihr Ende naht?

Ein Kunde von mir wollte beim nächsten Termin darüber sprechen, wie er sich den Spaß an der Arbeit in den letzten Jahren vor seinem Pensionseintritt erhalten könne. Bislang hätte er zwar noch Spaß an seiner Tätigkeit, merke aber, dass er in manchen Dingen langsamer werde, bei manchen Themen nicht mehr die nötige Begeisterung aufbringe und manches wäre einfach mühsamer.

Ein spannendes Thema, dachte ich mir und wollte mich für den nächsten Termin entsprechend vorbereiten. Es mag auch eine Rolle gespielt haben, dass auch ich ein persönliches Interesse an diesem Thema spürte. Ich setzte mich also mit meinen Laptop auf das Sofa und fing an zu lesen …

Als erstes lernte ich da, dass es einen Unterschied gibt zwischen alters- und alternsgerechter Arbeit. Sie haben sicher den einen Buchstaben entdeckt, der den Unterschied macht. Im wesentlichen geht es bei dem einen darum, wie das Arbeiten im Alter gestaltet werden soll und beim anderen sollte der Arbeitsalltag so gestaltet sein, dass er von Beginn an möglichst gesundheits- und lernförderlich ist.

Wie alt muss man sein, damit einen das interessiert?

Alter an sich wird im aktiven Arbeitskontext als fließende Grenze zwischen 45 und 65 Jahren angesetzt. So früh schon, denke ich. Natürlich ist zu unterscheiden zwischen einem Alter in Lebensjahren und einem gefühltem Alter, das einen viel jünger aber auch um einige Jahre älter machen kann. Das gefühlte Alter wiegt allerdings herzlich wenig bei der Bewerbung auf eine Stellenanzeige, in denen Wörter wie dynamisch, flexibel oder belastbar vorkommen.

Woran merke ich, dass ich dazu gehöre?

Apropos gefühlte Jahre älter: Gleich um einige Jahre älter fühlte ich mich, als ich die Aufzählungen altersbedingter physiologischer Veränderungen lese. Die Schmerzen in meiner rechten Achillessehne mutieren dabei zu einer eindeutigen Alterserscheinung. 100 Prozent mehr Belichtung für Beschäftigte über 55 Jahre wird empfohlen und ich werfe einen verstohlenen Blick auf den matten Schein meiner Schreibtischlampe. Hören tue ich aber noch gut, sagt mein Mann und von höherer Hitzeempfindlichkeit kann ich wirklich nicht sprechen, es sei denn …

Hilfe!

Schnell mache ich mich auf die Suche nach etwas Tröstlichem und finde es in einer Broschüre des Sozialministeriums: Zwar verändere sich einiges zwischen dem 20. und 65. Lebensjahr was die körperliche Leistungsfähigkeit, die Sinnesleistungen (Sehen und Hören) oder das Kurzzeitgedächtnis betrifft, aber es gibt auch Gutes zu vermelden: Intelligenz und Begabung bleiben gleich. Na wenigstens!

Einiges wird sogar besser. So nehmen Qualitäts- und Verantwortungsbewusstsein, Problemlösungsfähigkeit, soziale Kompetenz zu, ebenso wie die Fähigkeit zu selbständigem Handeln. Die planerischen und kommunikativen Fähigkeiten erhöhen sich, die Prozessorientierung, das Erfahrungswissen, die Fähigkeit aus Fehlern lernen können, den Überblick zu haben sowie das Langzeitgedächtnis.

Das empfinde ich durchaus als tröstlich. Aber wird das mein Kunde auch so sehen? Denn schließlich geht es ihm ja nicht nur um seine Leistungsfähigkeit, sondern auch um die Frage, wie er sich die Begeisterung an seiner Arbeit erhalten kann.

Diese Frage ist meines Erachtens nicht mit einer Aufzählung von ab- oder zunehmenden Fähigkeiten zu beantworten, auch wenn es sich um durchaus wertvolle Fähigkeiten handelt. Es geht hier doch auch um die Frage, welche Bedeutung, welchen Wert ich meiner Arbeit gebe, wenn das Ende derselben so greifbar ist.

Was ist Arbeit wert, wenn das Ende der selbigen naht?

Sinn- und identitätsstiftend sollte Arbeit sein. Warum sollte das nicht auch oder gerade in den letzten Arbeitsjahren gelten dürfen? Wir müssen nicht mehr um jeden Preis Karriere machen, das Haus ist gebaut und die Familie versorgt. Diese letzten Arbeitsjahre bieten die Möglichkeit, sich auf das konzentrieren zu dürfen, was einem wichtig ist. Diese Möglichkeit sollte man auf jeden Fall in Betracht ziehen. Denn schließlich erhöht das die Wahrscheinlich um einiges, dass die letzten Arbeitsjahre gute und anregende Jahre sind.

Außerdem genießen wir in diesen Jahren den Vorteil, dass wir ruhigen Gewissens unsere Gelenke schonen dürfen und darauf vertrauen können, dass unsere erhöhte Problemlösungsfähigkeit den Weg weisen wird. Wir werden zwar vieles vergessen, aber dafür Jahre später auf die Lösung kommen.

 

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